Unterwasserarchäologische Aufnahme - Taucherin die zeichnet
Unterwasserarchäologische Aufnahme - Steinkiste

Unterwasserarchäologie Kurs bei der GFS Rostock 2026

Wenn aus einem Tauchgang eine Zeitreise wird:

sechs Tage Schiffsarchäologie in Rostock

Wracks sind für uns Taucher faszinierende Ziele. Doch was passiert, wenn man ein Wrack nicht einfach nur betaucht, sondern beginnt, es als archäologischen Fundplatz zu betrachten? Wie dokumentiert man eigentlich unter Wasser? Wie vermisst man ein Wrack? Und was ist zu tun, wenn man beim Tauchen tatsächlich auf einen archäologischen Fund stößt?

Genau diesen Fragen durfte ein Mitglied unseres Vereins sechs Tage lang beim 26. Schiffsarchäologischen Seminar der Gesellschaft für Schiffsarchäologie e. V. (GfS) in Rostock nachgehen.

Vom 24. bis 29. August 2026 drehte sich alles um Unterwasserarchäologie, Vermessungsmethoden und Denkmalschutz - natürlich inklusive einiger Tauchgänge. Das Ziel der GfS ist dabei nicht, aus Sporttauchern innerhalb einer Woche Archäologen zu machen. Vielmehr sollen wir lernen, archäologische Fundplätze zu erkennen, zu verstehen, fachgerecht zu dokumentieren und vor allem verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen.

Eines kann man nach diesen sechs Tagen vorweg nehmen, man schaut bei einem Tauchgang definitiv anders auf ein Stück Holz, einen Stein oder eine Struktur am Grund.

 

Tag 1 – Von der Theorie direkt an den „Fundplatz"

Der erste Seminartag begann für einige von uns eigentlich schon vor dem offiziellen Start. Ein Teil der Teilnehmer war direkt auf dem Rostocker Jugendschiff Likedeeler untergebracht, das gegenüber der Seminarräume liegt. So trafen wir uns bereits gegen 8 Uhr zum gemeinsamen Frühstück, bevor um 9 Uhr das eigentliche Seminar begann.

Begrüßt wurden wir unter anderem von Martin Siegel, dem Vorsitzenden der Gesellschaft für Schiffsarchäologie, und Henrik Pohl M.A., dem Dozenten des Schiffsarchäologischen Seminars. Dazu kamen weitere Mitglieder der GfS, die uns während der kommenden Tage begleiten sollten. Zunächst bekamen wir einen Überblick darüber, was in den sechs Tagen auf uns zukommen würde. Dabei wurde schnell klar: Der genaue Ablauf hängt beim natürlich immer auch vom Wetter ab. Theorie lässt sich schließlich bei fast jedem Wetter durchführen, ein Tauchgang in der Ostsee weniger.

Danach hieß es zunächst geballte Theorie!

Wie dokumentiert man einen Fundplatz? Welche Möglichkeiten gibt es, Strukturen unter Wasser zu vermessen? Und wie bekommt man das, was man unter Wasser sieht, anschließend möglichst korrekt auf Papier?

Wir beschäftigten uns unter anderem mit Offset-Messungen und Triangulation. Außerdem ging es darum, wie archäologische Fundmeldungen aufgebaut sind und welche Informationen überhaupt aufgenommen werden müssen. Glücklicherweise blieb es nicht lange bei der Theorie. 

Am Nachmittag ging es nach draußen. In Strandnähe waren verschiedene Übungsstationen vorbereitet worden, sodass wir das theoretische Wissen gleich in die Tat umsetzen konnten. Eine der Konstruktionen stellte eine Art Steinkiste dar, eine weitere ein angedeutetes Wrack und dazu kamen verschiedene Einzelfunde.

Unsere Aufgabe: anschauen, vermessen, zeichnen und dokumentieren.

Das war ein ziemlich guter Einstieg, denn plötzlich musste das Gelernte praktisch funktionieren. Wo setze ich meine Messpunkte? Wie bekomme ich eine Struktur maßstabsgerecht aufs Papier? Welche Details sind relevant?

Damit war die Grundlage für das gelegt, was uns bereits am nächsten Tag tatsächlich unter Wasser erwarten sollte.

 

Tag 2 – Jetzt wird es ernst: Vermessung eines Wracks

Am zweiten Tag wurden aus den Trockenübungen echte Unterwasserarchäologie. Bereits am Vortag waren feste Zweiergruppen als Buddy-Teams zusammengestellt worden. Diese Teams wurden wiederum auf zwei größere Gruppen verteilt. Eine Gruppe sollte sich mit den sogenannten Steinkisten bei Hohe Düne beschäftigen. Für die Gruppe der Verfasserin ging es dagegen mit dem Boot hinaus in Richtung Warnemünde, zu einem Wrack welches direkt vor den Molenfeuern lag.

Schon die Ausfahrt war ein Erlebnis. Mit unserer kompletten Tauchausrüstung hatten wir ausreichend Platz an Bord und fuhren bei bestem Wetter die Küste entlang, vorbei an großen Schiffen und Werften. Etwa anderthalb Kilometer vor den Molen erreichten wir schließlich das Tauchgebiet.

Hier zeigte sich bereits, dass unterwasserarchäologisches Tauchen etwas anderes bedeutet, als einfach einen Anker über Bord zu werfen und abzutauchen. Das Boot konnte und sollte hier nicht einfach ankern. Zum einen bieten Sand und Mergel keinen optimalen Halt, zum anderen darf ein Anker natürlich keinesfalls den archäologischen Fundplatz beschädigen. Also wurde eine vorhandene Befestigungsmöglichkeit genutzt und mit einer Boje markiert. Unser Buddy-Team gehörte zu den ersten im Wasser und half dabei, die Verbindung unter Wasser herzustellen.


Erst schauen, dann messen

Beim ersten Tauchgang bestand unsere Aufgabe vor allem darin, uns einen Überblick zu verschaffen. Und genau hier begann für eigentlich einer der spannendsten Teile des Seminars: Nicht einfach über ein Wrack hinwegzutauchen und zu denken „schönes Wrack", sondern auf die vielen kleinen Details zu achten, um später überhaupt Aussagen treffen zu können. Wo befindet sich der Bug? Wie liegt der Rumpf? Welche Strukturen sind erkennbar? Was liegt frei, was steckt im Sediment? Welche konstruktiven Elemente lassen sich identifizieren?

Das Wrack liegt etwas schräg auf dem Grund. Der Bugbereich ragt deutlicher aus dem Boden heraus, der Rumpf ist zur Steuerbordseite abgesunken und Teile des Hecks sind bereits etwas versandet. Trotzdem waren zahlreiche Strukturen sehr schön zu erkennen. Große Bauteile und Poller zeichneten sich deutlich ab, gleichzeitig war das Wrack inzwischen natürlich Teil des Lebensraums Ostsee und entsprechend bewachsen.

Mit einer Länge von ungefähr 16 Metern gab es einiges für die Buddy-Teams zu entdecken. Während des Tauchgangs fertigten wir eine erste Übersichtsskizze an und trugen ein, was wir erkennen konnten. Rund 50 Minuten auf etwa neun Metern Tiefe hatten wir dafür Zeit. Und die Ostsee meinte es an diesem Tag wirklich gut mit uns: ruhige See, Sonnenschein und je nach Tauchgang etwa drei bis fünf Meter Sicht.


Zweiter Tauchgang: Maßband statt Sightseeing

Nach einer Mittagspause ging es ein zweites Mal hinunter. Nun wurde aus dem Erkunden systematische Vermessungsarbeit. Ein Buddy-Team hatte bereits eine Basislinie am Wrack gelegt. Anhand dieser Linie konnten die verschiedenen Bereiche anschließend eingemessen werden. Die Arbeit wurde  von uns im Vorfeld aufgeteilt: Ein Team übernahm den Bug, ein weiteres das Heck und wir beschäftigten uns mit dem Mittschiffsbereich.

Nun kam die Offset-Methode zum Einsatz, die wir am ersten Seminartag noch an Land geübt hatten. Von der Basislinie aus wurden markante Punkte rechtwinklig eingemessen. Was an Land noch relativ einfach klingt, bekommt unter Wasser eine ganz andere Dimension. Man kommuniziert mit seinem Buddy, hantiert mit Messmitteln, muss die Orientierung behalten, Werte korrekt ablesen und gleichzeitig dafür sorgen, dass die eigene Tarierung stimmt und man den Fundplatz nicht beeinträchtigt.

Nach weiteren ungefähr 50 Minuten war unsere Arbeit erledigt und es ging zurück an die Oberfläche. An Bord warteten die anderen Buddy-Teams, und bei weiterhin herrlich ruhiger See machten wir uns schließlich auf den Rückweg nach Rostock.

Feierabend war damit allerdings noch lange nicht.

Zurück im Seminarraum mussten unsere Unterwasseraufzeichnungen ausgewertet werden. Die Messwerte wurden übertragen und aus Zahlen, Notizen und Skizzen entstand Stück für Stück eine nachvollziehbare Dokumentation des Wracks.

Spätestens jetzt wurde deutlich: Unterwasserarchäologie besteht nicht nur aus Tauchen.

 

Tag 3 – Vom Einbaum zum Dampfschiff

Nach dem intensiven Tauchtag blieb die Ausrüstung am dritten Tag zunächst trocken. Am Vormittag widmeten wir uns der Entwicklung des Schiffsbaus. Und die Reise durch die Geschichte begann ziemlich weit vorne. Wir beschäftigten uns mit traditionellen Wasserfahrzeugen und frühen Bootsformen, darunter Rindenboote, Einbäume und Plankenboote. Besonders ausführlich ging es um Einbäume und deren Weiterentwicklung sowie um unterschiedliche Konstruktionsweisen.

Bei den Plankenbooten wurde es dann zunehmend komplexer. Wie werden die einzelnen Planken miteinander verbunden? Wie unterscheiden sich Klinker- und Kraweelbauweise? Welche Auswirkungen haben unterschiedliche Konstruktionen auf den Aufbau eines Schiffes? Historische Funde wie das Nydam-Schiff oder das Gokstad-Schiff halfen dabei, die Entwicklung nachvollziehbar zu machen.

Von dort ging es weiter zu Steuerruderanlagen: vom Seitenruder bis zur zentralen Hecksteuerung. Auch verschiedene Segeltypen wie Rahsegel und Schratsegel standen auf dem Programm. 

Über mittelalterliche Lastensegler und Koggen führte unsere Reise schließlich immer weiter in Richtung Neuzeit – bis hin zu Schonern, Kompositbauweisen und Dampfschiffen.

Ein Vormittag, der eindrucksvoll zeigte, wie viel Geschichte und technisches Wissen sich in einem Wrack verbergen kann. Wer unter Wasser ein konstruktives Detail erkennt und einordnen kann, sieht eben nicht mehr nur „altes Holz".


Was passiert eigentlich mit einem Fund?

Am Nachmittag wechselten wir den Ort und fuhren nach Schwerin zu den Fachleuten des Archäologischen Landesamtes Mecklenburg-Vorpommern. Dort bekamen wir einen Einblick, den man normalerweise nicht jeden Tag erhält. Die Fundwerkstätten befinden sich in neuen Räumlichkeiten beziehungsweise waren zum Zeitpunkt unseres Besuchs noch im Umzug. Wir konnten einen ersten Blick auf darauf erhalten und dadurch sehr anschaulich nachvollziehen, was mit einem archäologischen Fund geschieht, nachdem er geborgen und beim Landesamt angeliefert wurde.

Wie wird er aufgenommen? Wie wird er dokumentiert? Welche Rolle spielen 3D-Scans? Und vor allem: Wie sorgt man dafür, dass ein jahrhundertealtes Stück Holz nach der Bergung nicht innerhalb kürzester Zeit Schaden nimmt? Dabei lernten wir unter anderem die Konservierung mit Polyethylenglykol (PEG) kennen.

Genauso wichtig war aber die rechtliche Seite.

Was ist überhaupt ein Bodendenkmal? Wie melde ich einen archäologischen Fund richtig? Was darf ich als Taucher tun und was ausdrücklich nicht? Welche Regeln gelten für Metalldetektoren? Das war gerade für uns Sporttaucher ausgesprochen relevant. Denn einen interessanten Gegenstand unter Wasser zu entdecken bedeutet eben nicht automatisch, dass man ihn mitnehmen sollte. Im Gegenteil: Der Fundzusammenhang kann archäologisch mindestens genauso wichtig sein wie das Objekt selbst.

Nach so viel Input hatten wir uns am Abend eine Pause verdient. In Schwerin ging es gemeinsam zum Italiener, wo wir bei gutem Essen den dritten Seminartag gemütlich ausklingen ließen.

 

Tag 4 – Wenn der Wind den Stundenplan schreibt

Am vierten Tag konnten wir leider nicht ins Wasser - denn das Wetter hat das letzte Wort. Der Wind hatte deutlich aufgefrischt und stand für unsere Tauchgänge ungünstig. Da für den folgenden Tag bessere Bedingungen vorhergesagt waren, wurde entsprechend geplant.

Also zurück in den Seminarraum!

Am Vormittag vertieften wir das Thema Recht und Ethos in der Unterwasserarchäologie. Vieles davon knüpfte direkt an unseren Besuch beim Landesamt an. Was darf ich an einem archäologischen Fundplatz? Was darf ich nicht? Unter welchen Voraussetzungen dürfen archäologische Untersuchungen oder Grabungen durchgeführt werden? Was bedeutet das Schatzregal?

Darüber hinaus beschäftigten wir uns mit weiteren Schiffstypen und konkreten Funden aus der Ostsee. Anschließend verließen wir den Seminarraum trotzdem – nur eben ohne Tauchausrüstung.


Anker, Propeller und historischer Schiffbau

Bei einer Führung im Außenbereich des Rostocker Schifffahrtsmuseums konnten wir zunächst unterschiedliche Ankertypen und Propeller betrachten. Danach ging es in den Bereich des traditionellen Schiffbaus, auf die hiesige Werft.

Hier wurde vieles, was wir zuvor theoretisch besprochen hatten, plötzlich greifbar. Wir bekamen einen Eindruck davon, wie historische Holzschiffe gebaut wurden, welche Arbeitsschritte notwendig waren und welche traditionellen Handwerke dahinterstanden. Auch die Reeperbahn wurde uns erklärt, also der langgestreckte Arbeitsbereich, in dem früher Tauwerk beziehungsweise Seile hergestellt wurden.

Eines der dort gebauten Schiffe konnten wir anschließend direkt am Steg betrachten. Danach ging es weiter zum Traditionsschiff Dresden, dem schwimmenden Teil des Rostocker Schifffahrtsmuseums.

Auf den verschiedenen Decks konnten wir die Entwicklung der Schifffahrt noch einmal auf ganz andere Weise nachvollziehen, also von frühen Wasserfahrzeugen bis hin zur modernen Schifffahrt. Gleichzeitig bekamen wir einen Eindruck vom Leben an Bord. Kombüse, Mannschaftsräume, Kapitänsbereich und Offiziersmesse machen Geschichte plötzlich sehr konkret. Ein Schiff ist eben nicht nur eine technische Konstruktion, sondern war und ist gleichzeitig Arbeitsplatz und Lebensraum.

Damit endete auch unser vierter Tag und wir hofften sehr darauf, dass der Wind am nächsten Morgen tatsächlich mitspielen würde.

 

Tag 5 – Zehn Meter Sicht und ganz viel Geschichte

Und tatsächlich: Wir durften wieder tauchen. Für unsere Gruppe ging es diesmal mit der Fähre hinüber nach Hohe Düne. Dort wartete ein Tauchplatz, der sich deutlich von unserem Wracktauchgang unterschied. Unter Wasser befinden sich hier sogenannte Steinkisten, gewaltige historische Konstruktionen, deren Strukturen teilweise sogar aus der Luft gut erkennbar sind.

Das Prinzip ist ebenso einfach wie beeindruckend: massive Holzbalkenkonstruktionen, die mit Steinen verfüllt wurden und als Teil historischer Hafen- beziehungsweise Befestigungsanlagen dienten. Die von uns untersuchte Struktur hatte Seitenlängen von jeweils ungefähr 36 Metern und lief spitz zu.

Und dann kam noch etwas hinzu, was jeder Ostseetaucher zu schätzen weiß: Sichtweite um die zehn Meter!

Besser hätten die Bedingungen für unsere Arbeit kaum sein können.


Tauchgang eins: verstehen und planen

Beim ersten Tauchgang ging es zunächst wieder darum, den Fundplatz zu verstehen. Gemeinsam mit dem Buddy verschafften wir uns einen Überblick und fertigten eine Skizze einer Steinkiste an, die wir näher untersuchen wollten.

In der Oberflächenpause wurde die Skizze ausgewertet. Welche Punkte eignen sich für unsere Vermessung? Welche markanten Stellen müssen wir aufnehmen, damit sich die Form anschließend möglichst genau rekonstruieren lässt? Wir legten unsere Messpunkte fest und planten den zweiten Tauchgang.


Tauchgang zwei: Triangulation unter Wasser

Dann ging es wieder hinunter. Diesmal kam die Triangulation zum Einsatz, damit wir auch diese Methode ausgiebig üben konnten. Das Prinzip hatten wir bereits am ersten Tag kennengelernt und an Land durchgeführt. Nun mussten wir es unter realen Bedingungen anwenden.

Punkt für Punkt und Strecke für Strecke arbeiteten wir uns durch unsere Messung. Und genau das hat unglaublich viel Spaß gemacht. Denn plötzlich fügte sich vieles aus den vergangenen Tagen zusammen: die Theorie über Dokumentationsmethoden, die Übungen an Land, das Zeichnen, das bewusste Wahrnehmen archäologischer Strukturen und natürlich die Zusammenarbeit im Buddy-Team.

Nach dem Tauchgang ging es mit der Fähre wieder zurück. Einen kleinen Zwischenstopp für Snacks und Kuchen hatten wir uns verdient, bevor wir wieder vollständig am Seminarort ankamen. Dort folgte das mittlerweile bekannte Ritual: Tauchausrüstung spülen und dann an den Zeichentisch.

Unsere unter Wasser aufgenommenen Messwerte mussten sauber übertragen werden. Erst beim Zeichnen zeigt sich schließlich, ob die Messpunkte sinnvoll gewählt wurden und aus den vielen einzelnen Zahlen tatsächlich wieder die Struktur entsteht, die man zuvor unter Wasser gesehen hat.

 

Für den Abend war eigentlich gemeinsames Grillen geplant. Die Ostsee hatte allerdings noch eine kleine Überraschung für uns: Gewitter und Wind.

Also wurde erneut improvisiert. Statt Grillabend trafen wir uns mit der gesamten Gruppe in einem Restaurant und ließen dort einen wirklich gelungenen Tauchtag gemeinsam ausklingen.

 

Tag 6 – Von Maßband und Schreibtafel zum 3D-Modell

Und plötzlich war Samstag. Sechs Tage Seminar hatten sich zu Beginn nach einer ziemlich langen Zeit angehört. Jetzt saßen wir schon beim letzten gemeinsamen Frühstück.

Ganz ohne Prüfung sollten wir allerdings nicht nach Hause fahren. Am Morgen stand zunächst eine kleine Lernzielkontrolle an. Dabei wurde nicht nur theoretisches Wissen abgefragt. Besonders spannend war eine praktische Aufgabe mit einem Stück eines Bootes. Anhand der Konstruktion und unter anderem der Planken sollten wir einordnen und anwenden, was wir während der vergangenen Tage über historischen Schiffbau gelernt hatten.

Danach machte das Seminar noch einmal einen großen Sprung: von traditionellen Vermessungsmethoden hin zur digitalen Archäologie.

Das Thema lautete Structure from Motion (SfM).

Dabei wird ein Objekt beziehungsweise eine Struktur aus zahlreichen, sich überlappenden Fotografien aufgenommen. Eine entsprechende Software erkennt gemeinsame Bildpunkte und kann daraus die räumliche Geometrie rekonstruieren. Aus vielen zweidimensionalen Bildern entsteht so schließlich ein dreidimensionales Modell. Und natürlich blieb es auch diesmal nicht bei PowerPoint und Theorie.


Unsere Wiese wird zum 3D-Modell

Draußen bauten wir selbst einen kleinen „Fundplatz" auf. Verschiedene Gegenstände und Steine wurden verteilt, Referenz- beziehungsweise Messpunkte ausgelegt und anschließend begann die fotografische Dokumentation. Viele Fotos später ging es wieder an den Rechner. Dort ließen wir die Aufnahmen mit der entsprechenden Software berechnen.

Und tatsächlich: Aus unserer unscheinbaren Wiese mit ein paar darauf verteilten Steinen entstand Stück für Stück ein dreidimensionales Modell.

Das war ein ziemlich beeindruckender Abschluss, weil sich damit noch einmal zeigte, wie breit das Spektrum moderner Unterwasserarchäologie inzwischen ist. Auf der einen Seite stehen Maßband, Schreibtafel, Skizze, Offset-Messung und Triangulation. Auf der anderen Seite Photogrammetrie, 3D-Rekonstruktionen und digitale Modelle.

Wir konnten uns anschließend weitere 3D-Modelle der Gesellschaft für Schiffsarchäologie anschauen.

Ein besonderes Highlight wartete zum Schluss: Mit einer AR-Anwendung konnten wir das von uns zuvor tatsächlich betauchte Wrack noch einmal digital und dreidimensional erleben. Unter Wasser hatten wir einzelne Bereiche gesehen, skizziert und vermessen. Nun konnten wir dieselbe Fundstelle aus einer vollkommen anderen Perspektive betrachten.

Ein ziemlich passender Abschluss für diese sechs Tage.

 

Sechs Tage später schaut man anders hin

Am Ende erhielten wir unsere Zertifikate und dann hieß es Abschied nehmen und die Heimreise antreten. Im Gepäck hatte ich allerdings deutlich mehr als ein Stück Papier. Das Schiffsarchäologische Seminar hat mir vor allem gezeigt, wie viel Information in einem Unterwasserfundplatz steckt, vorausgesetzt, man weiß, worauf man achten muss.

Ein Wrack ist eben nicht einfach nur ein schönes Tauchziel.

Die Lage eines Bauteils, eine Plankenverbindung, ein Stück Holz im Sediment oder eine scheinbar unscheinbare Struktur können Informationen über Konstruktion, Nutzung, Alter und Geschichte eines Schiffes enthalten. Gleichzeitig kann bereits ein unbedachter Eingriff Informationen unwiederbringlich zerstören.

Gerade deshalb fand die Verfasserin des Artikels die Mischung des Seminars so gelungen. Wir haben nicht nur Vorträge gehört. Wir haben vermessen, gezeichnet, getaucht, dokumentiert, diskutiert, historische Schiffskonstruktionen betrachtet, Fundwerkstätten besucht und schließlich sogar selbst ein 3D-Modell erstellt.

Und wir haben zwei sehr unterschiedliche Fundplätze unter Wasser erlebt: ein großes Schiffswrack vor Warnemünde und die historischen Steinkisten bei Hohe Düne.

Dabei wurde aus Methoden, die am ersten Tag auf dem Papier zunächst etwas abstrakt wirkten, echte praktische Arbeit. Offset-Messung und Triangulation waren am Ende keine Begriffe mehr aus einer Präsentation, sondern Verfahren, die wir selbst unter Wasser angewendet hatten.

Genau das nimmt man nun mit nach Hause und natürlich auch mit zurück in unseren Tauchverein nach Kiel:

 

Unter Wasser lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Denn manchmal tauchen wir nicht einfach über ein altes Stück Holz oder ein Wrack hinweg. Manchmal tauchen wir mitten durch ein Stück Geschichte.

Vielen Dank an die Veranstalter des 26. Schiffsarchäologischen Seminars der Gesellschaft für Schiffsarchäologie e. V. (GfS) für diese unglaubliche Reise in die Archäologie und das vielete Wissen, welches man in dieser eigentlich viel zu kurzen Zeit erleben durfte.

– Bericht und Fotos von Janina

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